Dr. med. Irmgard Landgraf

Fachärztin für Innere Medizin

Dr. med. Irmgard Landgraf

Dr. med. Irmgard Landgraf

Dr. Irmgard Landgraf ist Internistin mit eigener digitalisierter Hausarztpraxis und neben zahlreichen Mitgliedschaften und Qualifikationen auch Lehrärztin an der Charité – und ist zudem noch Mitglied des Berliner „Netzwerks Pflege 4.0“. Dieses Netzwerk ist aus der Initiative „Pflege 4.0 – Made in Berlin“ hervorgegangen und wird seitdem vom Berliner Kompetenzzentrum Pflege 4.0 koordiniert.

Im Folgenden finden Sie ihre Antworten auf unsere Fragen rund um die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung der Pflege und zur Initiative „Pflege 4.0 – Made in Berlin“.

Wer sind Sie, zu welcher Organisation gehören Sie und welche Funktion haben Sie inne?

Dr. med. Irmgard Landgraf, Fachärztin für Innere Medizin und Hausärztin in eigener Praxis in Berlin

Was bedeutet für Sie gute Pflege?

Sie ist für hinfällige, multimorbide Menschen, die nicht mehr über eine ausreichende Alltagskompetenz verfügen, unverzichtbar und sichert nicht nur deren Lebensqualität, sondern auch eine gute medizinische Versorgungsqualität.

Wie kann hier Digitalisierung unterstützen?

Für pflegebedürftige, alte und/oder multimorbide Patienten, die eine pflegerische Versorgung brauchen, ist die zeitnahe und sichere Kommunikation sowie der zuverlässige Informationsaustausch zwischen Pflegekräften und betreuenden (Haus-)ärzten wichtig, damit im Bedarfsfall rasch ärztlich interveniert werden kann. Dadurch können dramatische Krankheitsentwicklungen und unnötige Krankenhauseinweisungen mit den damit verbundenen Belastungen insbesondere für die Patienten vermieden oder zumindest reduziert werden.

Haben Sie dazu schon Erfahrungen gemacht, kennen Sie gute Beispiele?

Ja, ich arbeite seit 22 Jahren als niedergelassene Hausärztin digital vernetzt zusammen mit den Pflegekräften des von mir hausärztlich betreuten Pflegeheimes mit 103 Bewohner/innen. Damit kann ich nicht nur eine Versorgungsqualität erreichen, die selbst bei ärztlicher Anstellung im Heim nicht mäglich wäre, sondern auch die Arbeitszufriedenheit im pflegerischen und ärztlichen Bereich beeindruckend steigern. Wir praktizieren mit Hilfe der Digitalisierung sektorenübergreifend multiprofessionelle Teamarbeit „auf Augenhöhe“, bei der auch immer noch Zeit für den Patienten bleibt, niemand ausbrennt und die Personalfluktuation beeindruckend gering ist.

Welche Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung sind aus Ihrer Sicht noch zu meistern? Gibt es für Sie auch etwas, dass Sie kritisch sehen?

Leider haben wir erhebliche Probleme mit der mangelnden Anwenderorientierung der Pflegeheim-Software. Sie ist in den letzten Jahren mit neuen updates immer weniger anwenderfreundlich geworden und orientiert sich überhaupt nicht an unserem Arbeitsalltag Im Gegenteil: die Arbeit durch unnötig aufwendige PC-Arbeit wird immer mehr und die  bersichtlichkeit der Dokumentation wird immer schlechter. Das belastet uns alle und gefährdet die Patientensicherheit. Versuche von uns, darauf beim Software-Hersteller Einfluss zu nehmen, werden abgetan damit, dass es nicht anders geht und wir die Einzigen seien, die sich beschweren und Änderungen wünschen.
Außerdem scheitern wir mit dem Wunsch nach einer sinnvollen Schnittstelle zwischen Praxis- und Pflegeheimsoftware an angeblich nicht bezahlbaren Programmierleistungen, die nicht erbracht werden können.
An einer digitalen Lösung, die uns Ärzten und Pflegekräften die Arbeit wirklich erleichtert und die Versorgungsqualität verbessert, scheinen weder Pflegeheim- noch Praxis-Software-Firmen interessiert zu sein.

Was verbindet Sie mit der „Initiative Pflege 4.0 – Made in Berlin“ und was ist Ihre persönliche Motivation, diese Initiative tatkräftig zu unterstützen?

Mein Interesse ist es, meine positiven Erfahrungen mit digital vernetzter Pflegeheimversorgung in einen guten Pflegeheimversorgungsstandard einzubringen. Außerdem möchte ich mich dafür einsetzen, dass sich Programmierer und Software-Hersteller mit ihren Produkten an unserem Arbeitsalltag und unserem digitalen Unterstützungsbedarf orientieren müssen. Es könnte nämlich vieles noch besser gemacht werden, wenn wir „Leistungserbringer“, nämlich  Ärzte und Pflegekräfte, bei der Erstellung von Softwarelösungen gehört und unsere Vorschläge umgesetzt würden. Dafür wünsche ich mir verpflichtende Standardisierung der Software-Häuser und hoffe, dass das über die „Initiative Pflege 4.0 – Made in Berlin“ beeinflusst werden kann.

Welche Chancen hält „Pflege 4.0“ speziell für Berlin bereit?

Gemeinsam erarbeitete Lösungen für Berlin lassen sich hier vor Ort eher realisieren als Einzellösungen. Pflegeheimversorgungsmodelle, die sich dann bei uns bewähren, werden Vorbildcharakter haben. Das Ziel sollte sein, der Versorgung alter multimorbider Menschen in unserer älter werdenden Gesellschaft trotz Ärzte- und Pflegekräftemangels ressourcenbeachtend gerecht werden zu können und das Gesundheitssystem sowie alle, die darin arbeiten, durch sinnvolle digitale Anwendungen zu entlasten.

Was wünschen Sie sich von LEBEN – PFLEGE – DIGITAL, dem Berliner Kompetenzzentrum Pflege 4.0?

Förderung sinnvoller und praktikabler digital unterstützte Versorgungsmodelle im Bereich der ambulanten und stationären Pflege, die durch Standardisierung der Softwareangebote und gezielter, evtl. wissenschaftlich begleiteter Implementierung in den Versorgungsalltag erreicht werden können.