Pflege 4.0 – was ist das eigentlich?

Pflege 4.0 steht für die Digitalisierung der Pflege auf einem neuen Level: alle Menschen im Pflegeprozess werden unter Einsatz innovativer Software und intelligenter Geräte digital miteinander vernetzt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Pflege 4.0?

Kurz gesagt bedeutet Pflege 4.0, dass digitale Technologien in der privaten, ambulanten und teil-/vollstationären Pflege eingesetzt werden.

Informationen werden digital erfasst und mit Menschen und vernetzten Computersystemen geteilt. Diese Vernetzung kann alle Menschen unterstützen, die mit Pflege zu tun haben. Wie das funktioniert verdeutlichen folgende Beispiele:

Beispiel 1: Häusliches/stationäres Umfeld

Eine Sensormatte auf dem Boden eines Badezimmers erfasst, ob ein Mensch auf ihr liegt. Stellt der Mattensensor fest, dass ein Mensch über einen gewissen Zeitraum hinaus auf der Matte liegt (unerwünschter Zustand), informiert er den Pflege-/Notdienst bzw. die Angehörigen, um Hilfe zu holen.

Beispiel 2: Häusliches Umfeld

Ein Sensor erkennt, dass eine Herdplatte angeschaltet ist, obwohl niemand mehr in der Nähe des Herds steht. Basierend auf dieser Information wird die Herdplatte automatisch abgeschaltet und/oder eine Warnmeldung an ein Smartphone oder Tablet geschickt, damit die Nutzerin oder der Nutzers des Herdes selbst entscheiden kann, ob er oder sie den Herd ausschalten will.

Beispiel 3: Medizinisches/therapeutisches Umfeld

Sensoren (z. B. in einer Smartwatch) messen wichtige Vitalwerte und leiten diese Informationen an Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte oder Physiotherapeuten weiter. Diese Informationen können dann z. B. der evidenzbasierten und zeitnahen Anpassung der mit der Patientin oder dem Patienten durchgeführten Maßnahmen dienen.

Beispiel 4: Stationärer Bereich

Ein Roboter übernimmt unterstützende Tätigkeiten. Er transportiert z. B. automatisch Gegenstände, räumt den Tisch ab, öffnet Türen oder hilft Patientinnen und Patienten beim Aufstehen. Darüber hinaus kann er bedarfsorientiert telemedizinische Versorgung organisieren. Dabei teilt er wichtige Patienteninformationen mit anderen Akteurinnen und Akteuren im stationären Bereich.

Bereits diese einfachen Beispiele zeigen, wie viele großartigen Möglichkeiten für alle Beteiligten in der Digitalisierung der Pflege stecken. Man kann es auch auf die Kurzformel bringen:

Je schneller und je mehr Informationen mit beteiligten Menschen, Computern und Geräten geteilt werden, desto besser können pflegebedürftige Menschen, Angehörige und beruflich Pflegende unterstützt werden.

Pflege 4.0 wird immer wichtiger

Der Bedarf an innovativen Lösungen für die Pflege ist groß und wächst stetig. Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Das ist eine gute Nachricht. Damit steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit an, pflegebedürftig zu werden. Gleichzeitig gibt es im Verhältnis dazu immer weniger Menschen im erwerbstätigen Alter, die als Angehörige oder als Beruf die Pflege übernehmen können. Diese Entwicklung, demografischer Wandel genannt, führt schon heute zu Schwierigkeiten in der Versorgung und einer erhöhten Arbeitsbelastung in der beruflichen Pflege.

Im Jahr 2017 waren in Deutschland rund 3,4 Millionen pflegebedürftig. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung werden bereits im Jahr 2030 voraussichtlich 4,1 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Zwanzig Jahre später werden dann bereits rund 5,3 Millionen Menschen, zumindest stellenweise, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein. Hält man die Anzahl der Menschen konstant, die im häuslichen Umfeld versorgt werden (52% in 2017) bzw. Zuhause leben, aber durch ambulante Pflegedienste unterstützt werden (24% in 2017), dann wurden und werden:

  • In 2017 rund 1,8 Millionen,
  • in 2030 rund 2,1 Millionen und
  • in 2050 rund 2,7 Millionen Menschen

Zuhause von Angehörigen und Freunden versorgt. Geschätzt für das Jahr 2017 bedeutet dies, dass rund 4,7 Millionen Angehörige täglich Zeit für die Pflege ihrer Angehörigen und Freunde aufwenden.

Prognostizierter Bedarf an Pflegekräften in Deutschland

Quelle: WIdO Pflege-Report 2019

622000

2020

717000

2030

813000

2040

Pflege 4.0 bietet hier große Chancen, Pflege effizienter zu gestalten und die pflegenden Menschen, ob Angehörige oder beruflich Pflegende, in vielen Bereichen zu entlasten und zu unterstützen. Auch hilft Pflege 4.0 pflegebedürftigen Menschen dabei, solange wie möglich zuhause wohnen zu bleiben. Das entlastet auch die stationäre Pflege. Ebenso lässt sich Pflege 4.0 zur Prävention einsetzen, um Pflegebedürftigkeit hinauszuschieben oder gar ganz zu verhindern. Pflege 4.0 hilft auch jüngeren Menschen mit Pflegebedarf dabei, ihre Selbstständigkeit zu erhöhen.

Die Digitalisierung schreitet in allen Bereichen des Lebens voran. Auch die Pflege wird von dieser Entwicklung auf viele Arten profitieren. Pflege 4.0 wird also immer wichtiger.

Chancen von Pflege 4.0

Für Pflegebedürftige

Sensortechnologien zur Sturzerkennung, automatische Beleuchtungssysteme, Vitaldatenmesssysteme und Online-Dienste zur Vernetzung in den Quartieren zeigen, wie man pflegebedürftigen Menschen auch im höheren Alter ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben ermöglichen kann.

Für das Pflegepersonal

Softwarelösungen zur  elektronischen Pflegedokumentation und Tourenplanung, Transportroboter und elektronische Hebehilfen sind Beispiele, wie die Digitalisierung helfen kann, pflegerische Arbeitsprozesse zu optimieren und das Pflegepersonal zu entlasten.

Für Angehörige

Angehörige wollen ihre Lieben in Sicherheit wissen. Intelligente Notrufsysteme informieren Notdienst und Nachbarn im Notfall. Minimalinvasive Bewegungssensoren senden ein Warnsignal, wenn z. B. ungewöhnliche In- bzw. Aktivität festgestellt wird, Hitzesensoren schalten automatisch den Herd aus, wenn die Platten zu lange angeschaltet bleiben.

Foto von Pflegebedürftigem und Pflegerin

Herausforderungen für die Umsetzung

Sprechen wir über Pflege 4.0, dann sprechen wir über eine Zukunft, die heute schon begonnen hat. Technisch ist bereits sehr viel möglich:

Sensoren, die erfassen, wo wir sind oder wie es aktuell um unsere Vitalwerte bestellt ist, gibt es schon. Auch Computerprogramme, die es ermöglichen diese Informationen zu sammeln und in Beziehung zu setzen, existieren bereits. Im klinischen Umfeld werden schon heute vernetzte Roboter eingesetzt, die Aspekte der Patientenversorgung übernehmen. Ebenso gibt es ein großes Angebot an Softwarelösungen für die berufliche Pflege.

Viele technische Möglichkeiten existieren also schon heute. Die Herausforderungen liegen woanders:

Infrastruktur:

Pflege 4.0 braucht zum Funktionieren eine entsprechende technische Ausstattung. Das beginnt beim Internetanschluss in der Häuslichkeit und in Pflegeeinrichtungen, der nicht immer gewährleistet ist. Ebenso braucht es, je nach gewünschter Anwendung, verschiedene Geräte und Software. Die sind aber nicht immer miteinander kombinierbar. Das erschwert eine einheitliche Vernetzung.

Finanzierung:

Die Ausstattung mit Technik der Pflege 4.0 mit Kosten verbunden. Es existieren bislang aber nur wenige Möglichkeiten einer Refinanzierung, was die Verbreitung von Pflege 4.0 erschwert. Dies gilt sowohl für Privatpersonen wie auch für die berufliche Pflege. Mehr über die aktuell bestehenden Möglichkeiten erfahren Sie hier:

Finanzierung für PrivatpersonenFinanzierung für Pflegedienste und Einrichtungen

Transformation:

Die Digitalisierung führt zu Veränderungen in der Pflegebranche. Sie ist ein langatmiger Prozess, der bestehende und gewohnte Systeme zum Teil grundlegend umstrukturiert. Arbeitsorganisation, Arbeitsinhalte und Abläufe können sich ändern. Eine solche Verwandlung braucht Zeit, damit alle Beteiligten mitgenommen werden.

Akzeptanz:

Mit den technischen Möglichkeiten gehen eine Vielzahl ethischer Fragen einher. Manche Menschen haben Bedenken gegenüber einigen Aspekten der Pflege 4.0, wie z. B. dem Datenschutz. Diese Bedenken müssen berücksichtigt werden. Nur so kann Pflege 4.0 gestaltet werden, dass sie allen Menschen hilft, die diese Hilfe wollen. Mehr zum Thema Datenschutz und Ethik erfahren Sie hier:

Datenschutz & Ethik

 

Diese und weitere Herausforderungen sind den Menschen gut bekannt, die sich mit der Umsetzung und Verbreitung von Pflege 4.0 beschäftigen. Das gilt besonders für die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in der Gesetzgebung auf Landes- und Bundesebene. Gemeinsam wird daran gearbeitet, diese Hürden abzubauen, damit Pflege 4.0 ihr volles Potenzial für alle Menschen entfalten kann.

Quelle: Roland Berger GmbH. (2017). ePflege – Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Berlin: Roland Berger GmbH.